Leseprobe

Kiran Nagarkar - Sieben mal sechs ist dreiundvierzig

Regen prasselte auf das Gateway. Ein kurzer heftiger Schauer. Dann wieder schwülheiß. Und dazu der Wind, der mir ins Hemd fuhr.
Chandani, ihr Bruder und ich. Ich konnte nicht zu ihm hinsehen. Es war mir peinlich.
Er hatte einen Buckel. Deshalb musste er wie ein halb zusammengeklapptes Taschenmesser herumlaufen, konnte immer nur auf den Boden glotzen.
Irgendwann würde es vorbei sein. Eine halbe Stunde, eine ganze Stunde, anderthalb Stunden. Dann würden sie endlich aufbrechen, und ich würde mich unter dem Vorwand, noch irgendwohin zu müssen, von ihnen trennen und in die entgegengesetzte Richtung trollen.
Es war noch keine neun. Das Gateway noch völlig leer. Abgesehen vom Kichererbsen-Vala und dem Fernrohr-Vala. Damals gab es erst eines von den Dingern.
Sobald um neun oder viertel nach das »Alibaba« aufmachte, würden wir uns dort einen Tee genehmigen. Bis dahin gab ich mir redlich Mühe, über Filme oder ähnlich neutrale Themen zu faseln. Das war nicht sehr schwierig. Und ich musste mich dazu auch nicht sonderlich anstrengen.

Manche Boxkämpfe ziehen sich über volle fünfzehn Runden hin. Oder zwanzig, weiß der Geier. Und das, obwohl schon in der vierten oder fünften Runde klar ist, wer verlieren wird. Aber der Betreffende suckelt an einer Scheibe Zitrone, oder die Glocke rettet ihn, wenn er gerade voll eine reingesemmelt bekommen hat und sich eigentlich auf die Bretter legen müsste.
Mit seinem verquollenen, überall aufgeplatzten Gesicht stolpert er auf seinen Wackelpuddingbeinen möglichst rasch in seine Ecke zurück. In der siebten oder achten Runde wäre an sich der Knockout fällig, aber der erlösende Schlag will und will nicht kommen, und wenn doch, stemmt dieser grün und blau geschlagene Muskelmann, bei dem an Mund, Brauen und Jochbeinen schon der blanke Knochen zu sehen ist, bei neun den rechten Ellbogen auf das rechte Knie und rappelt sich wieder hoch. Und auf ein Neues.
Der erschöpfte Sieger in spe schlägt weiterhin zu, zumindest immer dann, wenn er daran denkt, und der Verlierer ist bereits jenseits aller Erschöpfung. Schiebt sich in Zeitlupentempo durch eine Luft aus Schaumgummi ... komm her zu Mama, die Welt ist böse, so gemein, komm, mein Söhnchen, haben sie dich geärgert? Soll Mama sie bestrafen? Ei, ei. Wer hat Aua gemacht? Macht unserem Goldkindchen Aua! Oder: Hau ich ihn oder umarm ich ihn?
Wenn er einen Schlag auf die Backe bekommen hat, jagt er dem anderen entweder die Linke in die Fresse, oder er umklammert mit seinen aufgepumpten Fäusten seine Taille und rammt ihm den Kopf in die Brust.
Zwölfte Runde, dreizehnte, vierzehnte, fünfzehnte, achtzehnte, zwanzigste, vierzigste, fünfzigste Runde. Welche es ist, spielt längst keine Rolle mehr. Der windelweich Geprügelte wird von weiteren Treffern höchstens noch ein bisschen belämmerter. Das ist alles.

Die letzten anderthalb Jahre bin ich mir vorgekommen, als stünde ich unentwegt im Ring.
Ihr Vater hatte gesagt:
»Sie glaubt es nicht, außer Sie sagen es ihr.«
Ich hatte genickt.
»Wenn ich sie Ihnen vorbeischicke, werden Sie es ihr dann klipp und klar sagen?«
»Ja.«
»Thank you.«
Dann hatte er die Zeche für sein Essen und meinen Ananassaft bezahlt und war zusammen mit seinem Freund, der die ganze Zeit nur stumm dabeigesessen hatte, aufgebrochen.

»Du sagst nein?«
»Ja!«
»Endgültig nein?«
Sie sah zu ihrem Bruder hin. Der Vater hatte ihn als Anstandswauwau abgestellt. Hätte er uns auch nur eine Minute allein gelassen, hätte ich ihr möglicherweise etwas ganz anderes gesagt, hätte vielleicht bestritten, ihr jemals irgendetwas versprochen zu haben. Oder sie hätte mich binnen einer halben Sekunde wieder behext, einen völligen Sinneswandel bewirkt. Er nahm keinerlei Notiz von ihr.
Die Stufen des Gateway. Das Regenwasser, dem man beim Verdunsten zusehen konnte. Und die verletzte Chandani.
Ich sehe sie noch vor mir im Chaturshringi-Tempel. Im tiefschwarzgrünen Seidensari.
Schön, uneingeschränkt und unsagbar. Und nur geschaffen für diese eine Wunde. Sie würde nur ein einziges Mal verletzt werden.