Leseprobe

Alice Virmond - Der nachtblaue Hummer

»Morgen fahre ich nochmal mit Jack auf See«, sagte Maggie. »Es war rau, aber ich fühlte mich zugleich geborgen. Es war abenteuerlich und ich liebe das Abenteuer.«
Maggie setzte sich auf und zerrte an den Wadenwickeln, um sie loszuwerden. Phil versuchte sie zu beruhigen. Plötzlich fiel Maggie in sich zusammen und ins Kissen zurück. Phil war ratlos. So geht es nicht weiter, dachte er. Hat Leslie recht? Sollen wir sie ins Hospital bringen?

 

Nebel lag unten auf der Sky Road. Es war noch dunkel und Maggie Redmond nahm, während sie den Wagen lenkte, vorsichtig einen Schluck heißen Kaffee aus der Thermoskanne. Sie genoss die Fahrt am frühen Morgen auf der leeren Straße.
In der Einfahrt zu seinem Haus stand Jack Mahony neben seinem Transporter.
»Mosse hat mir berichtet, dass Sie spät am Abend zwei geräucherte Lachse abgeholt haben und mit mir auf See wollen.«
Er beugte sich zu Maggies geöffnetem Autofenster hinunter.
»Es kann ein wenig turbulent werden da draußen, aber wie Sie meinen, ich schaue nach Hummer und Fisch und bin mittags wieder zurück, also, wenn Sie wollen, dann nehmen Sie Ihre Thermoskanne und kommen Sie.«
Maggie stieg mit der Thermoskanne und den Scones in Jacks Transporter.
»Sie wollen mich über Sophie Langenau ausfragen«, sagte Jack, als er den Motor startete. »Ja, als ihr die Hummer abgeholt habt, da war die Situation angespannt, aber ich habe Sophie nicht ermordet. Ich hätte keinen Grund, Maggie. Sie war eine tolle Frau. Sie tauchte hier vor mehr als zwanzig Jahren auf, mit ihren beiden Kindern, und sie verwirrte mich vollkommen. Sie war neun Jahre älter als ich und sie war wunderschön. Sie wurde schwanger von mir, stellen Sie sich das vor, aber sie wollte zurück zu ihrem Mann Oskar, diesem Klimperer.«
Maggie und Jack waren unten an der Mole angekommen. Jack stieg die Stufen in der Mauer hinunter bis zu seinem Boot. Maggie folgte ihm, in der einen Hand die Thermoskanne und in der anderen die Scones.
Für den Sprung in das Boot fasste Jack Maggies Hand mit festem Griff.
Es gab eine überdachte Kajüte, die Platz für zwei Personen bot. Bald lief der Motor, Jack hockte hinter dem kleinen Steuerrad und Maggie saß neben ihm auf einem ausgefransten Stuhl mit eingeknickter Lehne. Sie fuhren auf das graue Meer hinaus und die Sonne schickte die ersten warmen Strahlen, weit und breit gab es keine anderen Boote. Sie glitten tiefer und tiefer in die Weite des Ozeans.
»Wie lange kennen wir uns, Jack?«, fragte Maggie, um die Stille, die zwischen ihnen stand, zu unterbrechen.
»Lange auf jeden Fall. Ich kannte Ihren Mann Frank zuerst, wir saßen in Harry's Bar und sprachen über das Meer, die Gezeiten, die Stürme und über alles, was sich im Wasser bewegt. Ich mochte Ihren Frank recht gerne.« Jack stockte. »Und Ihr Schicksal, Maggie, ist mit meinem Schicksal verwandt«, sagte er dann. Seine Miene wurde düster und die Stirn lag in Falten.
Maggie erschrak ein wenig. Verwandt, was meint er, fuhr es ihr durch den Kopf, meint er, wir gehen jetzt unter, mitsamt der Thermoskanne und den Scones? Im Schicksal verwandt. Wie hatte sie nur mit diesem Mann allein ein Boot besteigen können, das er lenkte? Aber es ist doch nur Jack. Jack ist kein Mörder, sagte eine andere Stimme in ihr.
»Sehen Sie, Maggie, Ihr Mann blieb draußen auf See und meine Frau verschwand und wurde tot am Strand gefunden. Sie verschwand einfach, keiner weiß, wie und warum.«
»Stimmt«, sagte Maggie und nahm die Brise, die jetzt von Westen her auf das Boot kam, tief in sich auf.
»Das ist doch das gleiche Schicksal, Ihres und meines, das denke ich jedenfalls. Sehen Sie, Maggie, ich habe viel Glück gehabt in meinem Leben. Ich traf Muriel. Sie war eine gute Frau. Sie wusste, was sie tat, sie dachte nach. Ich habe eine, wie soll ich das sagen, ich habe eine bestimmte Anziehung auf Frauen, wissen Sie.«
Maggie wusste.
Sie hatte seine Augen als Spiegel des Wassers erkannt, auf dem er seit seiner Kindheit lebte. Seine starken, gebräunten Arme konnten in einer Frau das Bedürfnis auslösen, ihren Kopf an die sehr gerade geformten Schultern zu lehnen. Maggie lachte ein wenig. Wenn ich mir dagegen Phil vorstelle, ohne Haare, mit der karierten Kappe und nicht mal so groß wie ich.