Leseprobe

Ivan Vladislavic - Johannesburg. Insel aus Zufall

 

Die Fenster des Hauses Nummer 58 in der Kitchener Avenue sind mit schwarzer Folie abgeklebt. Hinter diesem morbiden Portal könnte sich eine Trauerhalle befinden. Das alles sehende Auge, das Logenzeichen der erloschenen Nachbarschaftswehr, späht hinter dem Schutzgitter hervor. Die Grundstücksmauer ist schokoladenbraun. Zu beiden Seiten des Tores befinden sich schmückende Muster im Mauerwerk, Löcher in der achteckigen Form von Diamanten. Fünf Löcher an der breitesten Stelle in der Mitte, und dann zu einem Trapez abfallend und aufsteigend, bis zu je einem Loch oben und unten. Ich muss rechnen: fünfundzwanzig Löcher insgesamt.
Als ich eines Tages auf meinem Weg um meine Insel herum an diesem Haus vorbeikomme, fällt mir ein kleiner Gegenstand auf. Genau in der Mitte eines dieser Diamanten steht eine winzige Figur. Ein Mann. Eine Plastikfigur aus dem Spielzeugland, so groß wie mein Daumen. Steht in der Öffnung wie in einer Toreinfahrt. In dem Augenblick, in dem sie mir auffällt, strecke ich auch schon die Hand aus − kaum, dass ich den Schritt verlangsame −, greife sie mir und lasse sie in die Sakkotasche gleiten.
Im Weitergehen drehe ich die Figur zwischen den Fingern und versuche herauszubekommen, was sie darstellt. Warum nur habe ich sie eingesteckt? Ein Reflex. So, wie man instinktiv im Vorbeigehen ein Schnittchen vom Teller nimmt, obwohl man gar keinen Hunger hat. Oder einen Zweig vom Baum abbricht, nur um etwas zu haben, womit man sich im Gehen auf die Schuhspitze klopfen kann. Einen Block weiter hole ich die Figur hervor und sehe sie mir an. Ein Zootierpfleger mit einer Mistgabel in der Hand, auf die er ein großes Stück roten Fleisches gespießt hat. Er trägt graue Hosen, die in schwarzen Galoschen stecken, einen senffarbenen Pullover, einen schwarzen Schlips, eine Schirmmütze. Einer von der alten Garde, ein wenig angeschlagen und verblichen.
Den ganzen nächsten Tag steht der Tierpfleger, während ich arbeite, auf meinem Schreibtisch neben dem Becher mit den Bleistiften. Ein grüner Vlies bedeckt meinen Schreibtisch, und die kleine grüne Insel, auf der er steht, passt hervorragend zur Farbe des Tuches. Komisch, denke ich, dass er bei der Arbeit, die er zu verrichten hat, eine Krawatte trägt. Die Ärmel des Pullovers hat er allerdings aufgerollt. Das Fleisch sieht aus wie ein blutiges Komma. Ein übergroßes Stück, ein Büffelstück, einem Tiger angemessen. Der Kopf des Zootierpflegers lässt sich bewegen − er steckt mit einem konischen Dorn in einer Fassung zwischen seinen Schultern −, und ich drehe ihn so, dass er das Fleisch auf den Spitzen seiner Mistgabel ansieht.
Er scheint sich ganz wohl zu fühlen, zwischen Wörterbüchern und elektronischen Geräten. Und dennoch beunruhigt er mich. Was hatte er da in der Mauer verloren? Ein Kind muss ihn da hingestellt und vergessen haben. Ein Junge, der mit dem Gartentor hin und her schwang und den Verkehr beobachtete, während er darauf wartete, dass sein Vater von der Arbeit nach Hause kam. Ich habe zwar noch nie ein Kind in diesem Friedhofsgarten gesehen, doch im Verlauf des Tages wird die Gestalt eines Jungen vor meinem geistigen Auge immer deutlicher, bis er schließlich so wirklich erscheint wie die Figur auf meinem Schreibtisch. Ich kann sehen, wie er dieses Spielzeug in der klebrigen Hand hält, ich kann die Apfelsine riechen, die er mit der Fußsohle auf dem Boden hin und her rollt, um sie mürbe zu machen und besser den Saft heraussaugen zu können, während sich der andere Fuß um die untere Strebe des Tores legt.
Um fünf komme ich zu dem Entschluss, den Zootierpfleger zurückzubringen. Ich muss Termine einhalten und habe keine Zeit für einen Spaziergang, deshalb nehme ich das Auto und fahre zu dem Haus in der Kitchener hinunter, obwohl es eigentlich gleich um die Ecke ist. Eine vertrackte Sache. Soll ich geradewegs zu der Mauer gehen und das Ding wieder an seinen Platz stellen? Was, wenn mich jemand von einem der Fenster aus beobachtet, die in der Nachmittagssonne so schwarz aussehen wie die Gläser einer Sonnenbrille? Soll ich mir irgendeinen Vorwand ausdenken, mir zum Beispiel die Socken hochziehen, um die Figur unbemerkt wieder an ihren Platz stellen zu können? Ich parke den Wagen in der Essex Street und gehe das Stück bergab zurück. Während ich mich dem Haus nähere, denke ich einen Augenblick daran, die Figur in den Briefkasten zu werfen, doch schließlich stelle ich sie einfach wieder dorthin, wo ich sie gefunden habe, in das Loch in der Mauer, und gehe zurück, wobei ich fast damit rechne, dass eine misstrauische Stimme nach mir ruft.
Einen Monat lang steht der Zootierpfleger dort. Jedes Mal, wenn ich an dem Haus vorbeikomme, erwarte ich, dass er nicht mehr da ist, aber er steht immer dort. Bin ich etwa der Einzige, der jemals genau zu dieser Stelle hinsieht? Er müsste doch jedem Kind auffallen, das dort vorbeikommt. Ist dieser Gegenstand vielleicht allen außer mir unsichtbar?
Sechs Wochen später wiederholt sich die Geschichte. Als ich dort vorbeigehe, hebt sich unwillkürlich meine Hand, nimmt den kleinen Mann aus dem Loch und steckt ihn in die Jackentasche. Während ich jetzt schreibe, steht er vor mir und reckt mir sein frisches Fleischstück entgegen wie ein Tolstoisches Komma.