Leseprobe

Thomas King - Wenn Coyote tanzt

Eli hatte sich auf die Couch gesetzt und den Roman aufgeschlagen. Die Handlung war ziemlich simpel. Eine junge Frau aus dem Osten, die bisher sehr behütet gelebt hatte, war ihrem Verlobten in den Westen nachgereist. Dort hatte sie erfahren müssen, dass der junge Mann von Indianern getötet worden war. Verzweifelt warf sie sich auf sein Grab, weinte sich gründlich aus, packte ihre Koffer und machte sich auf den Rückweg in den Osten. Kurz hinter der Stadt, dort wo sich die Straße durch eine enge Schlucht wand, wurde die Postkutsche von Indianern überfallen, die von dem berüchtigtsten Indianer des Territoriums angeführt wurden, dem Geheimnisvollen Krieger. Die Indianer töteten den Kutscher, den Wachmann und einen der Passagiere - einen alten Mann, der erkannt hatte, dass die junge Frau in Gefahr war und zur Pistole gegriffen hatte, um sie zu verteidigen. Zitternd und allein kauerte die Frau, deren Name Annabelle war, am Boden und wartete auf den Tod. Sie hatte damit gerechnet, skalpiert zu werden; stattdessen hob der Geheimnisvolle Krieger sie auf sein Pferd und ritt im Galopp mit ihr davon.
Eli erhob sich und setzte einen Topf Wasser auf. Draußen wurde es dunkel. Das Buch war Schrott, und er wusste es, aber er liebte Western. Es war wie ... wie Kartoffelchips essen. Sie waren nicht gesund, aber das behauptete auch niemand. Jenseits des Flusses und zwischen den Bäumen konnte Eli die Prärie sehen, und er kicherte, als er sich einen Augenblick lang vorstellte, er würde auf einem glänzenden schwarzen Pferd durch das hohe Gras galoppieren, mit Karen quer über dem Sattel. Zuerst lag sie da und sah ihn mit fragenden Augen an, und dann lachte sie und warf Bücher in die Luft und rief: »Lies dies hier, lies das hier.«
Und dann stauchelte das Pferd.
Eli goss das Wasser über den Teebeutel und kehrte zur Couch zurück. Er streifte die Schuhe ab, legte sich hin, schob sich ein großes Kissen in den Nacken und schlug das Buch auf.
Viertes Kapitel.

Karen gefiel der Gedanke, dass Eli Indianer war; sie sah ihm seine, wie sie sich ausdrückte, kleinbürgerlichen Vorlieben in Punkto Bücher nach, und am Ende des Sommers, nachdem sie von einem ausgedehnten Frankreichurlaub mit ihrer Familie zurückgekehrt war, zogen die beiden zusammen.
Im Grunde genommen zog Eli zu Karen. Es war immer klar gewesen, dass Karen Geld hatte, und der Umzug von seinem Studio im vierten Stock ohne Aufzug in Karens Sandsteinhaus in der Nähe der Avenue Road erinnerte ihn an den Abstand, den sie beide überwunden hatten. Die Wohnung war ziemlich schlicht und es gab keinerlei auffällige Zurschaustellungen von Reichtum, aber sogar Eli konnte sehen, dass die Teppiche auf dem Fußboden Perser waren, und dass die Gemälde und Drucke an den Wänden nicht die billigen Reproduktionen waren, die es im Universitätsbuchladen zu kaufen gab.
»Das da ist von A.Y. Jackson. Das andere ist von Tom Thomson. Was hältst du von ihnen?«
»Sie sind großartig.«
»Es ist das Licht. Es lässt das Land ... mystisch wirken.«
»Sie sind großartig.«
In dieser ersten Nacht, in der sie von den Teppichen und den Gemälden und den Büchern umgeben im Bett lagen, rollte sich Karen auf Eli, setzte sich rittlings auf ihn und drückte seine Handgelenke auf die Matratze. »Weißt du, was du bist?«, sagte sie und bewegte sacht ihre Hüften. »Du bist mein Mystischer Krieger.« Als sie das sagte, drückte sie das Becken energisch nach unten.

Der Name des Indianers war Eisenauge und seine Familie war von Weißen getötet worden. Er hatte geschworen, das Vordringen der Weißen in den Westen aufzuhalten und er hatte Annabelles Leben geschont, weil er wollte, dass sie sah, dass Indianer auch Menschen waren.
»Eisenauge wird dir nicht weh tun. Du wirst frei sein. Erzähl den Häuptlingen, die die Sonne untergehen sehen, dass Eisenauge in Frieden leben will.«
Doch bevor sie gehen durfte, sollte Annabelle einige Zeit im Indianerlager verbringen. Zuerst hielt sie es für den dreckigsten Ort auf Erden. Die Tipis rochen, die Leute rochen, das Essen roch, die Hunde rochen. Die Indianerfrauen waren über ihre Anwesenheit verärgert und die Männer warfen ihr lüsterne Blicke zu. Nach ein paar Wochen im Lager bestand ihr Kleid nur noch aus Fetzen, und ihr Haar, das sie früher kunstvoll aufgesteckt hatte, hing in verfilzten Strähnen herab. Am schlimmsten war, dass sie jetzt auch roch.
Schließlich nahm Eisenauges Schwester, eine schöne Frau namens Hist, Annabelle unter ihre Fittiche; sie zeigte ihr, wo sie im Fluss baden konnte, gab ihr Wildledersachen zum Anziehen und kämmte und flocht ihr Haar. Als Annabelle und Hist an diesem Abend ins Lager zurückkehrten, unterbrach Eisenauge sein Nahkampftraining mit seinen Männern, ging zu Annabelle und Hist hinüber und nahm Annabelles Hand in seine.
Eli schloss kurz die Augen und rieb sich den Bauch. Er war schläfrig. Kein gutes Zeichen. Er rollte sich von der Couch herunter und ging in die Küche zurück. Das Wasser war noch heiß. Als er wieder ins Wohnzimmer kam, fiel ihm sein Spiegelbild ins Auge. Groß, dunkel, übergewichtig, grauhaarig. Er lächelte seinem Ebenbild zu und spannte die Bauchmuskeln an. Es half nichts.
Eli schob das Kissen zurecht, trank einen Schluck heißen Tee und schlug das Buch auf.
Achtes Kapitel.