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Leseprobe
Dariusz Muszer - Gottes Homepage
Im Zeitalter des Regenbogens
Wir schreiben das Jahr des Achtundachtzigsten Violetts. Früher, vor der Landung oder vor dem Herausschlüpfen, wie manche es bezeichnen, haben wir lediglich Zahlen verwendet, um den Verlauf der Zeit zu begreifen und unsere Ängste vor Zerfall und Tod zu verbergen. Jetzt gibt es keinen Tod mehr, und wir mischen Zahlen mit Farben. Mir gefällt das nicht besonders. Malern und Mathematikern darf man nie zu sehr vertrauen. Ich bin altmodisch wie Computer der vierten Generation oder eine Mehrwegflasche. Ich gestehe aber, dass es mir bisweilen Spaß macht, die neue Zeitbezeichnung zu gebrauchen. Insofern kann ich ohne Scham sagen: Ich bin hundertachtundzwanzig Jahre grau. Ein gefährliches Alter für einen Menschen, wie man weiß. Noch gefährlicher, falls es sich um einen Echten handelt. Für Geklonte dagegen ein undenkbares.
Die Erde bleibt nach wie vor der dritte Planet unseres Sonnensystems, in dem es bekanntlich zwölf Planeten gibt. Unsere Tante Klara scheint müde zu sein. Wie lange sie noch mitmacht, ist ungewiss. Für eine Sonne hat auch sie ein gefährliches Alter erreicht. Daher planen die Niebieskis, wie sich die Himmelblauen in ihrer Sprache nennen, schon die nächste Ausdehnung des Multiversums. Hoffentlich werde ich das nicht mehr erleben müssen. Die zwei, bei denen ich dabei war, haben mich nachdenklich gemacht. Ich bin der Meinung, man sollte die Sache anders angehen. Die Fortpflanzung der Planeten und der Sterne darf man auf keinen Fall den Technikern und Philosophen überlassen. Zu viel könnte dabei in die Hose gehen. Niebieskis tragen keine Hosen. Unterhemden tragen sie auch nicht. Von Natur aus sind sie so ausgestattet, dass sie überhaupt nichts zum Anziehen brauchen. In dieser Hinsicht sind sie also vollkommen. Wie einst südamerikanische Lamas oder holländische Kühe.
Doch die Niebieskis sind überheblich geworden und das war auch nicht anders zu erwarten. Vor langer, langer Zeit schufen sie den Menschen ihnen zum Bilde, wie auf Gottes Homepage zu lesen ist. Dann waren die Menschen an der Reihe, sich schöpferisch zu betätigen und sie schufen die Niebieskis ihnen zum Bilde. Als das geschehen war, stellte sich heraus, dass die Erde erschöpft und dünn besiedelt war. Also begann man eifrig zu klonen. Dabei ist zu viel Schrott entstanden, besonders am Anfang. Jetzt hat man angeblich das Klonverfahren völlig im Griff und stellt ausschließlich Qualitätsprodukte her. Mal sehen, wie lange das noch dauern wird. Mal sehen!
Ein Echter braucht drei Liter Wasser am Tag, ein Geklonter braucht dagegen die doppelte Menge, um zu funktionieren. Wenn ein Klon versäumt, regelmäßig seine Ration Wasser zu sich zu nehmen, altert er rapide. Die Ursache hierfür liegt auf der Hand: Kühlung und Schadstoffausscheidung versagen. Zum Glück haben wir Wasser in Hülle und Fülle. Nach dem letzten Großen Schmelzen sind die Erdenozeane voluminöser geworden und gelten als unerschöpflich. Unsere Zerstörer der Ionenverbindungen arbeiten Tag und Nacht auf vollen Touren und entsalzen Meereswasser. Wasser aus Entsalzungsanlagen ist aber kein Erzeugnis für Feinschmecker. Und die alte Sonne? Ja, was ist mit unserer Sonne? Wenn es nach mir ginge, würde ich sie auf der Stelle ausknipsen.
Wenn Menschen sich anstrengen, können sie in der Nacht notdürftig sehen. Geklonte und Niebieskis dagegen nicht. Dafür brauchen sie Hilfsgeräte. Ein solches Hilfsgerät ist billiger als eine gebrauchte Siedlerwohnung auf dem Mond.
Es ist schön, immer noch ein Mensch zu sein.
Es ist schön, richtig zu ticken.
Am schönsten aber ist es, keine Flügel zu haben, und trotzdem fliegen können.


