Leseprobe
Alice Virmond - Jerome O'Toole's Liebe zum Lachs
Jerome traf Maureen im Wasser.
Es war ein heißer Julitag, die Lachssaison ging ihrem Ende entgegen.
Jerome war mit seinem kleinen Ruderboot seit dem frühen Morgen auf See gewesen und brachte drei volle Kisten Lachs an Land. Er schleppte sie die Stufen hinauf zur Hafenmauer, brachte sie ins Kühlhaus und beschloss, ein Bad im Meer zu nehmen.
Er ließ seine Kleider am Ufer liegen und genoss das langsame Ansteigen des kühlen Wassers entlang seines Körpers. Als es ihm fast bis zum Hals stand, stieß er die Füße vom Boden ab und schwamm mit kräftigen Stößen den Wellen entgegen.
Er war gut gelaunt und schloss die Augen, da ihn die wilden Tänze der glitzernden Sonnenpunkte auf der Wasseroberfläche irritierten. Er summte eine flotte Melodie vor sich hin und schwamm weit ins Meer.
Jerome hatte die Zeit vergessen.
Plötzlich tauchte der Kopf einer Frau neben ihm auf.
»Ich bin zu weit rausgeschwommen«, sagte sie und kam ihm so nahe, dass er ihren Körper zu spüren glaubte.
»Ich will, dass Sie neben mir schwimmen, bis wir das Ufer erreichen«, sagte sie, »es ist mir unheimlich geworden hier draußen.«
Jerome lachte und sagte: »Natürlich, bleiben Sie nur in meiner Nähe und schwimmen Sie den Sonnenpunkten auf dem Wasser nach, einem nach dem anderen, bis wir das Ufer erreichen.«
Sie schwammen wortlos eine Weile nebeneinander her.
Jerome spürte das Vorbeigleiten eines Fischschwarms und sah zu der Frau hinüber, die sich mit Kraft und Leichtigkeit durch die Wellen bewegte. Sie drehte ihren Kopf und schaute Jerome lachend an.
Ihre lichtgrünen Augen glänzten zwischen den glitzernden Sonnenpunkten und Jerome glaubte den Verstand verlieren zu müssen.
Er verlangsamte das Tempo seiner Schwimmbewegungen, um länger mit dieser Frau, die sein Innerstes in einer Sekunde hatte ausrauben können, in diesem Wasser zusammen zu sein.
Bei dem Gedanken, dass sie, am Ufer angelangt, seinen Dienst nicht mehr benötigen und sich dankend und schnell verabschieden würde, begannen Jeromes Eingeweide zu taumeln.
Das Ufer war jetzt in Sichtweite und Jerome stellte fest, dass die Schwimmbewegungen der Frau schneller und kräftiger geworden waren.
War es das nahe Ufer, das ihr diese Kraft gab, oder war es der Gedanke, dass sie ihn, Jerome, den Sinnesberaubten, nun schnell loswerden wollte?
Ihre Augen lachten ihn wieder an, ihre braunroten Haare schwappten wie die Flosse eines Lachses in den Wellen und ihre Augenbrauen leuchteten hell zwischen den feinen Sommersprossen.
Sie erreichten das Ufer.
»Ich heiße Maureen Joyce und ich bin froh, dass Sie mich zurück an Land begleitet haben. Ich habe das kleine Haus dort hinten auf der Düne gemietet, kommen Sie, ich habe Tee und ich habe Whiskey, was Sie möchten.«
»Ich möchte Tee und ich möchte Whiskey«, antwortete Jerome und er konnte nur noch daran denken, mit ihr nach Hause zu gehen, und wenn er einmal dort gewesen war, würde er wiederkommen können, wieder und wieder.
Er nahm seine Sachen und sie liefen zu Maureens Haus, das aus zwei kleinen, ebenerdigen Zimmern bestand.
Im Zimmer mit dem Kamin befanden sich eine Nähmaschine, Stoffe, die am Boden lagen, eine Schneiderpuppe, die ein rotes, halb fertiges Sommerkleid und einen roten Hut trug, ein Bügelbrett, am Boden gestapelte Bücher und ein Sofa.
An einer Wand stand ein kleiner Herd mit einer gelben, schmalen Gasflasche darunter und ein Tisch mit zwei Stühlen.
Maureen füllte den Kessel mit Wasser, entzündete mit einem Streichholz die Gasflamme, stellte den Kessel auf und füllte Teeblätter in eine bauchige Kanne. Sie lief barfuß und der Saum ihres weißen Rockes umspielte dabei ihre Beine in Höhe der Wade.
Jerome blickte die Frau unentwegt an.
Sie war der Mittelpunkt seiner Sinne geworden und er versuchte jede Sekunde, die er mit ihr verbrachte, festzuhalten. Sein Kopf neigte sich ein wenig nach links, beinah schien er seine Schulter zu berühren, die Augen fixierten Maureen, das Lächeln war mild und zu allem bereit.
Er nahm Maureens Hand, er nahm ihren Mund, er nahm ihr Gesicht in beide Hände und wollte nur eines nicht: sie loslassen.
Maureen erwiderte Jeromes Küsse ohne Zurückhaltung.
Jeromes Nähe ließ Maureen ihren Körper geschmeidig bewegen und die Höhepunkte ihrer Spiele wollten kein Ende nehmen.
Das Wasser im schwarz verrußten Kessel war längst in der Hitze verdampft und nur die geringe Restmenge des Gases hatte ein Zerbersten des Wasserkochers verhindert.
Jerome und Maureen tranken keinen Tee an diesem Abend, sie nahmen einen Whiskey und saßen die Nacht über eng und Haut an Haut vor dem Feuer im Kamin und versuchten zu begreifen, was mit ihnen geschehen war.
Seit dieser Begegnung trafen sie sich, so oft sie konnten. Sie fuhren mit dem Boot aufs Meer, um Lachse zu fangen, nachts gingen sie in die Pubs, in denen musiziert wurde und nahmen in den frühen Morgenstunden ein Bad im Atlantik.
Einige Wochen später brachte Jerome zwei Schafe, die er in Maureens Garten grasen ließ. Dann reparierte er die Dachrinne und stand zwei Tage lang auf der hohen Leiter, die am Haus lehnte. In der Mittagszeit briet er Fische, die er Maureen auf einem großen, weißen Teller an die Nähmaschine stellte, da sie mit einem eiligen Auftrag, einem blauen Kostüm aus Samt, beschäftigt war.
Jerome war glücklich.
Oft pfiff er leise vor sich hin oder summte eine eigene Melodie und war selbst überrascht, wenn er sich dabei ertappte. Oder er stand vor dem Spiegel, steckte das Hemd sorgfältig in die Hose, ehe er sie zuknöpfte, und sah genau hin, ob er gut genug aussah, um Maureen begegnen zu können.
Nora versuchte, hinter geschickt gestellten Fragen ihre Neugier zu verbergen und Jeromes verändertes Verhalten zu enträtseln, aber Jerome gab keine Antworten.
Einmal täglich warf er einen Blick in das Schlafzimmer seiner Mutter, die noch immer die Augendeckel in gleichmäßigen Abständen bewegte, und er beschloss, sich von der bedrückenden Atmosphäre im Haus fernzuhalten.


