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Leseprobe
Ray Loriga - Der Mann, der Manhattan erfand
Der Mosambikeffekt
Beim Betreten eines x-beliebigen Raumes, Madame Huongs Nagelstudio zum Beispiel, hatte Laura oft das Gefühl, dass alle anderen Frauen hässlicher waren als sie selbst. Dieser Umstand, der ihr im Treibsand der Jugend stets ein fantastisches Selbstvertrauen und große Befriedigung verschafft hatte, war im Laufe der Jahre einem unbestimmten Gefühl von Rastlosigkeit gewichen. Nicht, dass Laura ihre Schönheit geleugnet hätte, im Gegenteil: Sie war der Meinung, Schönheit und Körpergröße seien Dinge, die man sich hart erarbeiten müsse, und niemals wäre sie auf die Idee gekommen, dass ihre Schwester Simonetta vielleicht Recht haben könnte, wenn sie, wie sie es gerne tat, behauptete, dass Schönheit, Körpergröße und Reichtum vererbt würden und keinen Verdienst darstellten. Um nichts auf der Welt hätte Laura etwas an ihrem Körper verändert, an ihren rosigen Wangen, an den hoch stehenden Wangenknochen oder an ihrem langen, schwarzen Haar, und mehr als einmal hatte sie sich dabei überrascht, wie sie selbstverliebt vor einem Spiegel stand, während sie das eine oder andere Kleid anprobierte und dabei die Wirkung eines bestimmten Ausschnittes oder eines engen, seitlich geschlitzten Rocks prüfte und sich dabei ausmalte, wie sehr sie mit solchen Tricks den schwachen Willen der Männer beeinflussen könnte.
Dennoch war Laura in letzter Zeit - einige Tage, einige Monate? -, was ihre eigene Schönheit anging, etwas vorsichtiger geworden. Wie jemand, der am Boden eines Champagnerglases einen dunklen Fleck zu erkennen glaubt.
Sie war viel zu jung, um sich Sorgen über das Altern zu machen - du liebe Güte, sie war schließlich erst zweiundzwanzig! -, und so hatte sie für ihr merkwürdiges Leiden keine andere Erklärung finden können als diese: den Mosambikeffekt.
Der Zeitschrift Sophisticated Amazons zufolge, deren Chefredakteurin übrigens Lauras Schwester Simonetta war, wurde der Mosambikeffekt zuerst von einem belgischen Abenteurer erwähnt, der 1823 an der Küste von Guanau strandete und plötzlich - er war noch dabei, sich den Sand von den Kleidern zu klopfen - vor einem Stamm stand, der sich Kulambe Sime nannte, was in der Sprache dieses Landes (Papu oder Mapu oder so ähnlich, an die Details konnte sich Laura nicht mehr erinnern) so viel bedeutete wie »Maulwurfkinder«. Der Stamm der Maulwurfkinder hatte zwei besonders auffällige physische Besonderheiten: Sie waren winzig wie Kinder und hatten Gesichter wie Maulwürfe. Pascal Simbreaud, so hieß unser belgischer Abenteurer, lobte diese Leute in den höchsten Tönen, und dennoch konnte er sich während seines gesamten Aufenthaltes (insgesamt mehr als zwei Jahre) keinen einzigen Tag des unbestimmten Eindrucks erwehren, diesen Leuten überlegen zu sein (was wiederum jede Menge Schuldgefühle bei ihm auslöste), und dafür gab es keine andere Ursache als die tägliche Konfrontation seiner eigenen Normalität mit der Extravaganz jener merkwürdigen kleinen Wesen. Womit wir auch schon bei dem Paradoxon wären, das seither unter dem Begriff »Mosambikeffekt« bekannt ist. Das merkwürdige Element, in diesem Fall also der belgische Abenteurer, lebt in der Überzeugung, das Merkwürdige wäre seine Umgebung, hier also die Maulwurfkinder, ohne auf den Gedanken zu kommen, dass gerade er selbst die Ausnahme darstellt, während die anderen die Norm darstellen.
Laura fand die ganze Angelegenheit faszinierend. Sie hatte sich in letzter Zeit, seit Monaten schon, egal wo sie hinging (in Madame Huongs Nagelstudio etwa), unwillkürlich das Gefühl, dass die Wölkchen, die sie auf dem Boden des Champagnerglases, in dem sich ihr Leben abspielte, entdeckte, nichts anderes als die ersten Anzeichen für den Mosambikeffekt waren. Überlegenheit, Verwirrung und Schuldgefühle angesichts einer radikalen Verkehrung des Begriffes von Normalität. Laura hatte sich so sehr an ihre eigene Schönheit gewöhnt, dass sie bei anderen Menschen, bei fast allen anderen Menschen, monströse Züge entdeckte.
Madame Huongs Nagelstudio, das an der Ecke 73rd und Columbus-Avenue lag, war einer von zigtausend Maniküresalons, die im vergangenen Jahrzehnt in Manhattan hochgeschossen waren wie Pilze. Es waren so viele, dass man sich wunderte, nicht neben jedem Starbucks einen zu finden, und bedenkt man, dass es hier so gut wie an jeder Ecke einen Starbucks gibt, ergab sich daraus eine ziemliche Menge. Alle sahen sie gleich aus, weder sonderlich klein noch sehr groß. Alle hatten zur Straße hin ein großes, sichelförmiges Fenster und waren mit seltsamen Wandgemälden dekoriert. Das Besondere an Madame Huongs Nagelstudio waren die beiden koreanischen Zwillinge, Zen Lee und Zen Zen, Künstler von einem anderen Stern, wie Laura es ausdrückte. Laura war vollkommen abhängig vom Service dieser beiden Mädchen, die stets zu zweit arbeiteten (Zen Lee die Finger und Zen Zen die Zehen) und mittlerweile zum bestgehüteten Geheimnis der Upper West Side avanciert waren. Tatsächlich hätte Laura ihr kleines Geheimnis nicht einmal ihrer Schwester anvertraut, aus Angst, diese vertrauliche Information würde auf den Seiten von Sophisticated Amazons verbreitet. Schon jetzt wurde es immer schwerer, einen Termin bei den magischen Schwestern zu bekommen, und sie bezweifelte sehr, dass ein solcher Schatz in einer Stadt wie New York, die von der Gesundheit und dem Aussehen ihrer Fingernägel geradezu besessen war, lange Zeit unentdeckt bleiben könnte. »Nicht mehr lange«, dachte Laura, »dann taucht hier plötzlich eine Julia auf, oder J.Lo, und das war's dann.«
Laura grüßte höflich zu Madame Huong hinüber und setzte sich ins Wartezimmer, direkt neben einen Stapel Zeitschriften. Das Wartezimmer war halb voll, und Laura machte die für sie wenig überraschende Feststellung, dass sie wieder mal die Schönste war. Sie beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken, denn für sie war es eine ausgemachte Sache, dass diese seltsame Mosambik-Geschichte ihr das Leben über kurz oder lang unmöglich machen würde. »Ich bin doch kein Monster«, sagte sie sich, »da kann dieser komische Belgier behaupten, was er will.« Dann begann sie mit leiser Stimme eine Melodie zu trällern. Eins von diesen allgegenwärtigen Liedchen, gegen die man sich einfach nicht wehren kann.
Laura hasste es zu warten, deswegen betete sie zu Gott, Zen Zen und Zen Lee würden sich beeilen. Und wieder mal hatte sie Glück, ein märchenhaftes Leben führte diese junge Frau. Kaum hatte sie angefangen, in ein paar älteren Ausgaben von Vanity Fair zu blättern, waren die beiden Weltraumzwillinge auch schon zur Stelle, so einzigartig, hübsch und niedlich, und so verteufelt geschickt im Umgang mit der Nagelfeile.
Laura setzte sich in ihren Lieblingssessel, in einen, der weit genug weg stand von dem sichelförmigen Schaufenster, damit ihr von der Straße aus keiner auf die Beine starren konnte. Dann schloss sie die Augen, während die beiden koreanischen Schwestern ihre Tinkturen mixten.
Sie träumte schon eine ganze Weile vor sich hin und lauschte mit einem Ohr den Gesprächen der anderen Frauen, während sie mit dem anderen versuchte, die Lieder aus dem Radio zu erkennen, als sie plötzlich spürte, dass ihr ein kleiner, warmer Wassertropfen auf die Hand gefallen war. Als sie sich aufsetzte, sah sie in das lächelnde Gesicht von Zen Zen, die damit versuchte, vom Ausdruck ihrer Augen abzulenken. Laura und Zen Zen sahen sich einen Augenblick lang an, und Zen Zen konnte eine weitere Träne nicht zurückhalten, die ebenfalls auf Lauras Hand landete, direkt neben der Stelle, an der bereits die erste gelandet war.


