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Leseprobe
Armin Kratzert - Hundertmark
05:17
Marie wacht auf, sieht auf die Uhr, wälzt sich auf die andere Seite des Betts und knipst die Lampe an. Ihre Haut ist ölig und weich, sie schwitzt, obwohl sie nackt ist unter einem dünnen Laken.
Die Klimaanlage summt laut und nutzlos. Dicke Leinenvorhänge lassen weder Licht noch Lärm ins Zimmer, im Bad keucht ein Ventilator und saugt warme Luft in das Gitter über dem Bidet.
Sie stellt die Beine auf den Boden und sitzt auf der Bettkante, mit krummem Rücken, todmüde und verkatert.
Das Zimmer ist sehr gelb, die verwegen geblümte Tapete, der Teppichboden, der Schreibtisch mit seinem falschen Nussbaumfurnier.
Marie betrachtet ihren weißen, runden Bauch und das Büschel dunkler Haare darunter, die Oberschenkel, ihre Zehen mit den rosa lackierten Nägeln und atmet tief ein.
Dann steht sie auf, zerrt die Vorhänge zur Seite, und rüttelt an dem störrischen, bis zum Boden reichenden Aluminiumfenster, das sich offenbar nicht öffnen lässt.
Draußen schiebt sich die Morgendämmerung blass über die Dächer von Berlin.
Unten in der Straße sackt schwerer Morgennebel, ein paar Verkehrsampeln blinken träge, Straßenarbeiter bauen sich auf, Zeitungsausträger und ein früher Jogger queren. Auch ein blutroter polnischer Lastzug donnert vorbei, und Marie fragt sich, ob der Fahrer wohl an den für interessierte Touristen aufgestapelten Sandsäcken am Checkpoint Charlie bremst und seine Papiere zückt, aus alter Gewohnheit.
Eine Straßenlaterne flackert blau und erlischt.
Marie dreht sich um, greift nach der Fernbedienung, wiegt sie kurz in der Hand und knallt sie dann mit einem Seufzer auf den Tisch, wütend über den einsamen letzten Abend, über sich selbst, die 53 TV-Programme, die sie alle gleichzeitig sehen wollte, und den Wodka dazu, den sie zwar mit Wasser, Eis und Zitrone nahm, dessen pochende Reste sie aber jetzt quälend daran erinnern, dass sie erst seit elf Tagen in dieser Stadt lebt, kaum einen Menschen kennt, in einem amerikanischen Kettenhotel haust und nach dem Abendessen nicht viel Besseres zu tun hat, als fernzusehen und eben Wodka zu trinken.
Sie drückt ihre Stirn an die kühle Fensterscheibe, starrt hinunter auf die sich belebende Straße: Autos, Menschen, Lichter.
Auf dem Mittelstreifen trottet ein müder Tramper, mit dunklen Zotteln über seinem roten T-Shirt, und schleppt einen grotesk überladenen Rucksack.
Und von irgendwoher Sirenen. Ein paar Polizeimotorräder preschen um die Ecke, gefolgt von einem Kleinbus mit schwarzgetönten Scheiben und mehreren dunklen Limousinen, die in diesem Moment alle zum Stehen kommen.
Marie schaut auf den nachtblauen Audi, der gerade unter ihr hält und aus dem jetzt ein energischer Mann in feinem grauem Tuch und mit greller Krawatte steigt. Es ist tatsächlich der Kanzler, der Bundeskanzler dieser Republik, der sich da frühmorgens in der Friedrichstraße neben seinem Auto aufrichtet, während noch ein Hündchen herausspringt und davonschießt, um den Bordstein zu benässen. Der Kanzler schaut sich munter um, hebt schließlich den Kopf und sieht die splitternackte Marie dort oben im ersten Stock des Hotels an ihrem Fenster lehnen, nickt ihr jovial zu und klettert breit grinsend wieder in seinen Wagen, um weiter Deutschland zu regieren. Marie macht unterdessen einen Satz rückwärts, reißt dabei den Sessel um und stürzt in ihren auf dem Boden aufgeklappten Koffer, wo das Glas eines sorgfältig gerahmten Hochzeitsfotos knirschend zerbirst.
Rührei, Speck, trockenen Toast, Erdbeermarmelade, Wurst und Milchkaffee würde sie in ihrem schlingernden Zustand bestimmt nicht vertragen. So tapert Marie vorsichtig das Frühstücksbüfett entlang, hält den Teller mit beiden Händen fest und überlegt, ob sie überhaupt etwas essen oder sich mit Saft, stillem Wasser und zwei bis drei Aspirin wieder ins Bett legen soll. Dann gelangt sie zum Ende der opulenten Tafel, wo unter Kristalllüstern und rosa Stuck morgendliche Erfrischungen für die japanischen Gäste der Hauptstadt arrangiert sind: warmer Reisschleim in dickwandigen Tontöpfen, Stücke von eingelegtem Gemüse, blau und rosa und knallgrün gefärbt, roher Fisch, in Algen gerollt oder pur, und frittierte Fetzen von irgendetwas, das vielleicht nur pflanzlich ist, vielleicht aber auch der kleingeschnittene Rest eines exotischen Tiefseetiers.
Marie kommt jetzt endlich zu sich, ein Ruck geht durch den geschwächten Körper, sie besinnt sich auf ihre Würde als frisch gewählte Abgeordnete des Deutschen Bundestags, die ihr, so findet sie jedenfalls, permanente Neugier, Präsenz und Kampfeslust abverlangt. Und so lädt sie sich ein bisschen von dem stark riechenden Brei auf ihren Teller, ein paar marinierte Rettichscheiben und zwei fingerdicke Enden fetten Aals. Weil sie weiß, dass es heute hilft, und weil sie hofft, dass ihr niemand zusieht, trinkt sie dazu einige Schlucke kalten Kirin-Biers, das sich in ihrem Saftglas mit gefährlich bunt glitzerndem Schaum ausbreitet.
Nach dieser kräftigenden Mahlzeit, die sie mit einem karottenfarben glasierten, puddingähnlichen Kuchen abschließt sowie einer Magnesium- und einer Multivitamintablette, trocken hinuntergewürgt, klaubt Marie in der Halle einige Tageszeitungen vom Tresen und stolpert über die teppichbelegte Treppe in den ersten Stock. Sie schlendert einen mit Vanille parfümierten Gang hinunter, passiert ein Brandschutzschott sowie zwei Servicewagen des Reinigungspersonals, zählt die Türen nach der letzten Biegung und verharrt schließlich vor Nummer 184.
Dann betritt sie ihr Zimmer, atmet die abgestandene Luft, betrachtet das verschwitzte, zerwühlte Bett und die überall verstreuten Kleider, Akten, Zeitungen, Strümpfe, Bücher, Schuhe, Prospekte, Einkaufstüten, Wäschebeutel. Sie fixiert die halbleere Wodkaflasche auf dem Fernseher, sieht auf die Uhr und würgt ihr Frühstück, exakt um 6:23 Uhr, in den Papierkorb.


