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Leseprobe
Nicola Bardola - Schlemm
Luca spürt den Stoß im Rücken, wehrt sich gegen den Fall, will sich umdrehen, nicht um zu sehen, wer ihn stieß, sondern um Gewissheit zu bekommen, ob seine Eltern mit dem Stoß einverstanden sind.
Das Telefon klingelt. Die Tochter schläft. Die Frau sieht im Wohnzimmer fern.
Mit dem Hörer in der Hand ist er sofort Sohn. Vor etwa einer Stunde hatte er seiner neunjährigen Tochter noch eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen.
Der Vater fragt, ob er den Termin wissen wolle. Es ist kein gewöhnlicher Termin, sondern eine Deadline. Der neunte Dezember.
Das Gespräch ist kurz. Kommentare und Gefühle werden auf später verschoben. Das Datum aber prägt sich Luca ein. Der neunte Dezember, ein Tag vor seinem und Sabines Hochzeitstag. Aber das sagt er dem Vater nicht. Es bleiben fast zwei Wochen.
Luca hat das Gefühl, sich gut auf diesen Moment vorbereitet zu haben.
Elf Tage lang wird Luca noch Sohn sein, Kind seiner Eltern, mit Vater und Mutter, die man jederzeit anrufen kann. Dann werden sie sterben. Äußerlich unversehrt und im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte.
Absurd und nicht akzeptabel, wird Lucas Schwägerin Christina sagen.
Luca notiert den neunten Dezember im Kalender, blickt auf die elf freien Tageszeilen bis dahin und erinnert sich an eine Zeit, in der er nicht sicher war, ob Paul und Franca seine Eltern sind.
Damals war er etwas jünger als seine Tochter Nora jetzt. Die Unsicherheit betraf vor allem den Vater, denn eine Ähnlichkeit mit der Mutter war unbestreitbar. Aber mit seinem angeblichen Vater Paul?
Luca zählt noch einmal die Tage bis zum neunten Dezember im Kalender. Das Telefon steckt in der Ladeschale, aber er hört noch Pauls Stimme. Sie klingt beherrscht wie immer. Vielleicht versucht sie eine leichte Verlegenheit zu verbergen.
Luca zählt und sieht dabei die breite und hohe Stirn Pauls, den Schädel, die wenigen, nach hinten gekämmten Haare. Paul ist gut gealtert: ein fünfundsiebzigjähriger Ex-Bridge-Meister und Ex-Rektor, braun gebranntes Gesicht, einsachtzig groß, aufrecht, der Bauch nicht zu dick. Doch Luca sieht auch die schlaffen Wangen, das Doppelkinn und die leicht zitternden, nikotingelben Finger.
Paul brauchte nie einen Beweis für seine Vaterschaft.


