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Leseprobe
Günter Herburger - Schlaf und Strecke
Emmental
Schon im Zug nach Zürich begann Verklärung. Draußen regnete es, in den Abteilen hatte sich junges Volk breit gemacht, das Rucksäcke, Wimpel, Tennisschläger und, für welche Zwecke auch immer, kurzstielige Schaufeln bei sich hatte. Die Gesellschaft war zu Hütten und Landschulheimen über das verlängerte Wochenende unterwegs.
Sofort verliebte ich mich in ein protestantisch blondes Mädchen, dann in seine Nachbarin. Beide waren sehr groß, die Lippen dunkelrot geschminkt, die vielen Haare kunstvoll in Unordnung gebracht.
In Luzern, wo alle ausstiegen und wir vom Rapido zu einer Bummellinie wechselten, war selbst noch die Bahnhofshalle sexualisiert.
Helio Bechterew sagte, seit Stunden müsse er an Hepatitis-B denken, das Virus.
Warum?
Wegen der großartigen Frisuren.
Verstünde ich nicht.
Er sei an der Elfenbeinküste gewesen, behauptete er, die ebenfalls voller Haare sei. Er habe Gelbsucht bekommen, eine langweilige, monatelange Krankheit, gegen die nichts helfe. Schließlich habe ihm eine schwäbische Tante geraten, Schafsläuse zu essen. Und tatsächlich, es habe geholfen, täglich zwanzig, dreißig Stück in Quark oder Haferbrei. Der Tante sei es auch gelungen, Schafszüchter für die Läuse aufzutreiben, die sich Gabe und Transport allerdings teuer hätten bezahlen lassen. Die Breitband-Medizin wisse immer noch nicht, weshalb das alte Bauernmittel wirke.
Ich glaubte ihm jedes Wort, an die unbefangenen Mädchen denkend, ihre Fröhlichkeit und ihr Ungestüm, das sich, uns im Blick, in Gelächter ausgedrückt hatte.
In Trubschachen, einem düsteren Ort tief im Tal, stiegen wir aus und nahmen im Gasthaus »Bahnhof« ein Zimmer. Der Regen war heftiger und kälter geworden, ging allmählich in nassen Schnee über.
Das Sakrament vor dem Querein-Marathon ereilte uns im Saal der Wirtschaft, wo es umsonst Nudeln mit Tomatensoße und zu trinken gab. Das ganze Dorf hatte sich versammelt, aß, als darbte es seit Wochen, schenkte sich gegenseitig Bier, Wein oder Saft aus Tüten ein. Die Backen glühten, von der krachenden Sprache dieser glücklichen Gemeinschaft verstanden wir kaum ein Wort.
Einmal wurden wir aufgerufen und beim Namen genannt.
Wir erhoben uns und verneigten uns. Der Beifall klang wie Hohn.
Frühmorgens erfolgte vor der Tür des Gasthofes der Start. Das Wetter war angenehm: 10 Grad, kein Regen, blauer Himmel, erste Sonnenstrahlen. Das Grün der Bergmatten schimmerte wie hinter Aquariumglas.
Zuerst ging es etwa eine Stunde auf bequemen Serpentinen hinauf. Ausladende Höfe, außen bis zum Dach geschindelt, standen am Weg. Ein Milchfuhrwerk mit Kannen auf der Pritsche wartete, und Kühe, deren Euter kaum Platz unter dem Bauch hatten, schwenkten, absonderlich zu merken, langsam, als dächten sie nach, ihre schweren Köpfe hin und her.
Vereinzelte Buchen, Erlen und Ahorne besaßen wie beschnittene Pflanzengeschöpfe in englischen Parks akkurat runde Säume, so dass das Laubwerk bauchigen Flaschen glich.
Eine Französin, die eine Zeit lang neben mir lief, doch dann wurde sie ungeduldig, sagte, die Kühe gingen im Kreis um die Stämme und fräßen perfectement die Blätter klein, damit die Bäume ihre schöne Form behielten.
Nachdem sich die Rationalistin verabschiedet hatte, fing Terror an. Die Strecke führte hinein in Gehölz, aus dem sie nur noch wenige Male ins Freie streben sollte.
Die Pfade verengten sich zu Steigen, Fährten, Wildtritten, waren schlüpfrig oder versumpft. Irgendwelche Begabten hatten es verstanden, über Grate, durch Gefälle hinab und entlang Abstürzen wieder hinauf eine Spur zu legen, die, wenn sie nicht mit gelben Farbklecksen bezeichnet gewesen wäre, im Halbdunkel der Klaustrophobie sich verloren hätte.


